
Bissfehlstellung
Eine Bissfehlstellung, fachlich Okklusionsstörung, liegt vor, wenn die Zähne von Ober- und Unterkiefer nicht gleichmäßig aufeinandertreffen. Sie kann von den Zähnen oder vom Kiefer selbst kommen, etwa bei einem Überbiss, Unterbiss oder Kreuzbiss. Sie kann auch funktionell sein: Die Zähne stehen passend, aber der Unterkiefer weicht beim Zubeißen aus. Manche Betroffene haben zusätzlich Beschwerden in Kiefer, Kopf oder Nacken; wie eng das mit dem Biss zusammenhängt, ist fachlich umstritten.
Was bei einem Fehlbiss im Kiefer passiert
Beim Schlucken treffen die Zähne meist kurz aufeinander. Den Unterkiefer bewegen dabei die Kaumuskeln: Masseter, Temporalis und die Flügelmuskeln. Passt der Biss nicht, etwa weil ein Zahn zu hoch steht oder eine Seite früher Kontakt hat, kann der Unterkiefer beim Schließen zur Seite oder nach vorn ausweichen.
Wie stark ein Fehlbiss Beschwerden in Kiefer, Kopf oder Nacken verursacht, ist fachlich umstritten (Li & Leung, 2021). In einer großen Untersuchung an Kindern und Jugendlichen waren bestimmte Bissformen, etwa der seitliche Kreuzbiss, häufiger mit Anzeichen einer Funktionsstörung des Kiefergelenks verbunden (Thilander et al., 2002). Das zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache.
Formen der Bissfehlstellung
- Überbiss: Die oberen Schneidezähne stehen weit vor den unteren (→ Überbiss).
- Unterbiss: Die unteren Schneidezähne stehen vor den oberen (→ Unterbiss).
- Kreuzbiss: Einzelne obere Zähne beißen innen an den unteren vorbei, oft auf einer Seite (→ Kreuzbiss).
- Offener Biss: Vorn oder seitlich treffen die Zähne nicht aufeinander (→ Offener Biss).
- Funktioneller Fehlbiss: Die Zähne stehen gerade, aber der Unterkiefer weicht beim Zubeißen aus.
Bissfehlstellung: Symptome
- Knacken im Kiefergelenk oder eingeschränkte Mundöffnung (→ Kieferknacken)
- Das Gefühl, dass die Zähne nicht richtig zusammenpassen, oder ein spürbarer Fehlbiss
- Einseitiges Kauen, weil eine Seite angenehmer ist
- Spannungen im Gesicht oder an den Schläfen, oft als dumpfer Druck
- Schmerzen beim Kauen oder im Kiefergelenk
- Verspannungen in Nacken und Schultern
- Zahnabrieb oder morgendliche Kieferschmerzen
- Kopfschmerzen, Ohrdruck oder Ohrgeräusche können dazukommen; ob sie mit dem Biss zusammenhängen, muss im Einzelfall geprüft werden.
Ursachen einer Bissfehlstellung
- Zahnfehlstellungen, fehlende Zähne oder unpassender Zahnersatz: Ein ungleichmäßiger Zahnbogen stört den Biss.
- Neue Füllungen, Kronen oder eine Zahnspange: verändern den Kontakt der Zähne, und die Muskeln müssen sich erst einstellen.
- Kieferpressen oder Knirschen: Nächtliches oder unbewusstes Pressen führt zu Zahnabrieb und kann so den Biss verändern. Mehr dazu unter Bruxismus.
- Entwicklung im Kindesalter: Wachstumsabweichungen, Daumenlutschen, langes Schnullern oder dauernde Mundatmung können zu bleibenden Bissproblemen führen (→ Offener Biss).
Wer korrigiert den Biss?
Den Biss korrigieren Zahnmedizin und Kieferorthopädie. Physiotherapie und Logopädie kümmern sich um das, was rundherum mitarbeitet:
- Kieferorthopädie: korrigiert Zahn- und Kieferstellung mit Zahnspange oder Schienen, bei ausgeprägten Fehlstellungen zusammen mit der Kieferchirurgie (→ Kiefer nach der OP).
- Zahnärztin oder Zahnarzt: passt Füllungen und Zahnersatz an und versorgt bei Pressen oder Knirschen mit einer Aufbissschiene.
- Physiotherapie: behandelt Beschwerden in Kaumuskulatur und Nacken und arbeitet an der Haltung, oft begleitend zur Schiene oder Zahnspange.
- Logopädie: übt Zungenlage und Schluckmuster, besonders bei Kindern und beim offenen Biss.
Übungen aus der CRANii App zum Thema Bissfehlstellung
Lass Beschwerden und einen veränderten Biss zuerst zahnärztlich oder kieferorthopädisch abklären; trägst du gerade eine Schiene oder Zahnspange, sprich vor dem Üben mit deiner Praxis.
Temporalis Stretch
Basic Exercise, 1 Minute. Dehnübung für den Schläfenmuskel (M. temporalis).
Smiling Face
Basic Exercise, 1 Minute. Übung für die Gesichtsmuskulatur im Mittelgesicht: Du formst bewusst ein kräftiges Lächeln.
Wie CRANii mit Zahnarztpraxen zusammenarbeitet, steht unter CRANii für die Zahnmedizin.
Was du im Alltag für einen entspannten Biss tun kannst
- Kaumuskeln entspannen: besonders in stressigen Momenten Zähne auseinander, Zunge am Gaumen.
- Beidseitig kauen: abwechselnd links und rechts.
- Haltung: auf Kopfhaltung, Schultern und Zungenlage achten, Bildschirm auf Augenhöhe.
- Nach dem Zahnarzt prüfen: Fühlt sich der Biss nach einer neuen Füllung oder Krone nach ein paar Tagen noch hoch oder schief an, zurück in die Praxis.
- Bei Kindern: auf Mundatmung, Daumenlutschen und Schnuller achten und regelmäßig zur Kontrolle gehen.
Wann du deinen Biss untersuchen lassen solltest
Lass dich zahnärztlich oder kieferorthopädisch untersuchen, wenn
- sich dein Biss plötzlich anders anfühlt, etwa nach einer Füllung, Krone oder einem Unfall,
- der Kiefer hängen bleibt oder du den Mund nicht mehr richtig öffnen oder schließen kannst (→ Kieferklemme, Kiefersperre; bleibt der Mund offen stehen, ist das ein Notfall),
- Schmerzen im Kiefer länger als einige Wochen anhalten oder stärker werden,
- Kiefer oder Gesicht geschwollen sind oder du Fieber hast,
- Zähne abgebrochen, locker oder dauerhaft schmerzhaft sind,
- dir bei deinem Kind ein schiefer Biss auffällt.
Ob ein Fehlbiss behandelt werden muss, entscheidet die Untersuchung; die Übungen ersetzen sie nicht.
Häufige Fragen zur Bissfehlstellung
Kann man einen Fehlbiss bei Erwachsenen noch korrigieren?
Ja. Auch bei Erwachsenen lassen sich Zahnstellung und Biss mit Zahnspange oder Schienen korrigieren, bei ausgeprägten Kieferfehlstellungen zusammen mit einer Operation. Welche Behandlung passt, klärt die Kieferorthopädie.
Kann eine Bissfehlstellung Kopfschmerzen oder Nackenschmerzen machen?
Manche Menschen mit Fehlbiss haben auch Kiefer-, Kopf- oder Nackenschmerzen. Wie eng der Zusammenhang ist, ist fachlich umstritten. Oft spielen Pressen, Stress und Haltung mit. Lass bei solchen Beschwerden Kiefer und Biss zahnärztlich untersuchen.
Woran erkenne ich eine Bissfehlstellung?
Hinweise sind Zähne, die nicht gleichmäßig zusammenpassen, ein Unterkiefer, der beim Schließen zur Seite rutscht, einseitiges Kauen, Knacken im Kiefergelenk und Zahnabrieb an einzelnen Stellen. Die Diagnose stellen Zahnmedizin oder Kieferorthopädie.
Quellen
Thilander B et al. (2002): Prevalence of temporomandibular dysfunction and its association with malocclusion in children and adolescents: an epidemiologic study related to specified stages of dental development. Angle Orthod. PubMed
Li DTS & Leung YY (2021): Temporomandibular Disorders: Current Concepts and Controversies in Diagnosis and Management. Diagnostics. PubMed