
Augenmigräne
Augenmigräne ist ein umgangssprachlicher Begriff für eine Migräne mit Sehstörungen, auch visuelle Migräne genannt. Meist ist eine visuelle Aura gemeint: Flimmern vor den Augen, Zickzacklinien, Lichtblitze oder blinde Flecken, die sich langsam ausbreiten und in der Regel innerhalb einer Stunde wieder verschwinden. Seltener ist die retinale Migräne gemeint, bei der die Sehstörung nur ein Auge betrifft. Kopfschmerzen können folgen, müssen aber nicht. Migräne und Kieferbeschwerden wie eine CMD treten häufiger gemeinsam auf, als man erwarten würde (Réus et al., 2022).
Was bei einer Augenmigräne passiert
Bei der visuellen Aura breitet sich eine Welle veränderter Nervenaktivität langsam über die Sehrinde im Hinterkopf aus. Fachleute sprechen von „Spreading Depression“ (Lauritzen, 1994). Das erklärt, warum das Flimmern wandert und größer wird und warum es bei geschlossenen Augen weiter zu sehen ist. Migräne gilt heute insgesamt als Störung der Verarbeitung von Sinnesreizen (Goadsby et al., 2017).
Bei der seltenen retinalen Migräne wird eine vorübergehende Verengung der Blutgefäße der Netzhaut als Ursache diskutiert (Grosberg & Veronesi, 2024).
Augenmigräne-Symptome
- Visuelle Aura: Flimmern, Zickzacklinien, Lichtblitze, blinde Flecken oder Tunnelblick
- Wandernde Sehstörung: Sie beginnt oft an einer kleinen Stelle im Sichtfeld und breitet sich langsam aus
- Augen- oder Kopfschmerzen: nicht immer, oft im Anschluss an die Aura
- Begleiterscheinungen: Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, vor allem in einer Kopfschmerzphase
Beschwerden rund um die Augen ohne Flimmern beschreibt der Artikel Augenprobleme, Kopfschmerzen ohne Sehstörungen der Artikel Kopfschmerzen.
Augenmigräne-Ursachen und Auslöser
Die genaue Ursache ist noch nicht vollständig geklärt. Diese Faktoren gelten als bedeutsam:
- Veranlagung: Migräne tritt in manchen Familien gehäuft auf.
- Andere Ursachen ausschließen: Ähnliche Sehstörungen können auch durch Augenerkrankungen, Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes entstehen. Deshalb gehören neue oder veränderte Sehstörungen ärztlich abgeklärt.
Migräne und Kiefer
Eine Übersichtsarbeit fand, dass Menschen mit schmerzhafter CMD deutlich häufiger Migräne haben als Menschen ohne Kieferschmerzen; die Datenlage ist allerdings dünn (Réus et al., 2022). Was zuerst da ist, lässt sich nicht sagen. Für beide werden Stress und schlechter Schlaf als Einflüsse genannt. Wachst du mit müden Kaumuskeln auf, lies auch den Artikel Bruxismus.
Für dich heißt das: Wenn du Migräne hast und dein Kiefer knackt, schmerzt oder morgens müde ist, lass den Kiefer zusätzlich zahnärztlich ansehen. Die Aura selbst entsteht im Gehirn; der Kiefer löst sie nicht aus.
Wie wird eine Augenmigräne behandelt?
- Neurologie: stellt die Diagnose, berät zu Akutmedikamenten und, bei häufigen Anfällen, zur Vorbeugung.
- Augenheilkunde: schließt Augenerkrankungen aus, besonders wenn nur ein Auge betroffen ist.
- Zahnmedizin und Physiotherapie: wenn eine CMD oder Zähnepressen dazukommen.
Was du im Alltag bei Augenmigräne tun kannst
- Während einer Aura: Pause machen, in einen ruhigen, abgedunkelten Raum gehen und nicht Auto fahren.
- Rhythmus: Auf regelmäßigen Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeit achten.
- Tagebuch: Mögliche Auslöser in einem Kopfschmerztagebuch notieren, auch ob du an dem Tag viel gepresst hast.
- Bildschirmpausen: Regelmäßig aufschauen, in die Ferne blicken, die Stirn bewusst loslassen.
- Stress ausgleichen: mit Entspannungs- und Atemübungen, Bewegung oder Yoga.
Wann Flimmern vor den Augen ein Notfall ist
Lass Sehstörungen ärztlich abklären, wenn sie zum ersten Mal auftreten oder sich anders anfühlen als gewohnt. Wähle sofort den Notruf 144 oder geh in eine Notaufnahme, wenn
- du plötzlich auf einem Auge nichts oder fast nichts mehr siehst,
- die Sehstörung länger als eine Stunde anhält,
- gleichzeitig Lähmungen, Taubheitsgefühle, Sprachstörungen oder ein hängender Mundwinkel auftreten,
- der Kopfschmerz schlagartig einsetzt oder der stärkste ist, den du je hattest,
- die Beschwerden nach einem Sturz oder Schlag auf den Kopf beginnen,
- Fieber, Nackensteife oder Verwirrtheit dazukommen.
Bei wiederkehrenden Anfällen ist eine neurologische und augenärztliche Untersuchung sinnvoll.
Häufige Fragen zur Augenmigräne
Was ist der Unterschied zwischen Aura und retinaler Migräne?
Die häufigere visuelle Aura entsteht im Gehirn und betrifft deshalb das Sichtfeld beider Augen. Bei der seltenen retinalen Migräne betrifft die Sehstörung nur ein Auge. Ein einfacher Test: Halte während des Flimmerns abwechselnd ein Auge zu.
Hat Augenmigräne etwas mit dem Kiefer zu tun?
Die Aura entsteht im Gehirn, nicht im Kiefer. Migräne und schmerzhafte CMD treten aber auffallend oft gemeinsam auf. Wenn du beides kennst, sprich in der Neurologie und in der Zahnarztpraxis darüber.
Quellen
Goadsby PJ et al. (2017): Pathophysiology of Migraine: A Disorder of Sensory Processing. Physiol Rev. PMID 28179394. PubMed
Lauritzen M (1994): Pathophysiology of the migraine aura. The spreading depression theory. Brain. PMID 7908596. PubMed
Grosberg BM & Veronesi M (2024): Retinal migraine. Handb Clin Neurol. PMID 38307658. PubMed
Réus JC et al. (2022): Association between primary headaches and temporomandibular disorders: A systematic review and meta-analysis. J Am Dent Assoc. PMID 34649707.